Achtung Berlin Filmfestival

Unsere Eindrücke vom Festival

Berlin und Brandenburg sind als Film-Produktionsorte nicht nur international beliebt, sondern hier entstehen natürlich auch sehr viele Filmprojekte von Berlin/Brandenburger FilmemacherInnen. Beim 13. achtung berlin – new berlin film award wurden vom 19. bis 26. April in den Festivalkinos zirka achtzig Filme aus der Region präsentiert. „Made in Berlin Brandenburg“ ist der Wettbewerb des Festivals. Und in den Sektionen „Berlin Independent“ und „Berlin Documents“ wurden abendfüllende Spielfilme und Dokumentarfilme gezeigt. Außerdem gab es auch mittellange Filme und eine Auswahl von Kurzfilmen. Das fast jeder Film in Anwesenheit der Filmemacher, Schauspieler und Protagonisten gezeigt wurde, war sehr angenehm. So konnte das Publikum in den anschließenden interessanten Filmgesprächen noch mehr über die jeweiligen Filme erfahren und Fragen stellen.

Eröffnet wurde das Filmfestival mit Luise Brinkmanns Film BEAT BEAT HEART. Die leichtfüßige Komödie hatte ihre Uraufführung auf dem 34. Filmfest München 2016 und wurde dort mit einem Spezialpreis der Jury Förderpreis Neues Deutsches Kino ausgezeichnet. Das preisgekrönte Erstlingswerk, es kommt am 27. April in die Kinos, ist ein Beispiel des jungen deutschen Kinos: klug, humorvoll und mit viel Mut zur Improvisation: Kerstin (Lana Cooper) glaubt mit vollem Herzen an die große Liebe und wartet seit Monaten auf die Rückkehr ihres Exfreundes Thomas (Till Wonka). Sie hat es sich in zuckerschönen Erinnerungen bequem gemacht, als plötzlich ihre Mutter Charlotte (Saskia Vester) vor der Tür steht und in ihrer WG einziehen will. Denn Mama hat sich mit Mitte 50 aus Versehen von ihrem Partner getrennt und weiß jetzt nicht, wohin.

Das die beiden Frauen nicht unterschiedlicher mit ihrer Sehnsucht umgehen könnten, wird spätestens dann klar, als Charlotte sich kurzerhand durch Kerstins Mitbewohnerin (Christin Nichols) dazu inspirieren lässt, neue Männer über eine App kennenzulernen und direkt mit nach Hause zu bringen. Kerstins wohlige Tagträume werden nun immer häufiger von der Realität unterbrochen, in der die wahre Liebe zu einem hoffnungslosen Zufallsprodukt geworden ist. BEAT BEAT HEART ist eine originelle Komödie über die Liebe und die Sehnsucht. Sie spielt mit den romantischen Vorstellungen, die wir seit unserer Kindheit in uns tragen und verdrängen müssen, wenn wir älter werden. Denn wer heute noch an die Liebe glaubt, muss wohl verrückt sein.

Diese Produktionen wurden ebenfalls bei Spielfilmen in den Wettbewerb eingeladen:

Der Spielfilm MILLENIALS von Jana Bürgelin ist ein fast dokumentarisch anmutendes Großstadtmärchen über die Generation Y, das seine Premiere bei der Berlinale 2017 in der Perspektive Deutsches Kino feierte. Leo ist Fotograf und möchte mit seinen Fotos endlich Anerkennung finden. Anne ist eine erfolgreiche Regisseurin, wünscht sich ein Kind, hat aber keinen Partner und lässt vorausschauend sicherheitshalber ein paar Eizellen einfrieren. Durch persönliche Begegnungen und inspirierende Erlebnisse realisieren beide, dass sie mit ihren jeweiligen Lebensentwürfen an Grenzen stossen. In einem atmosphärischen Trip beobachtet MILLENNIALS die „éducation sentimentale“ zweier Individualisten und zeigt dabei sowohl ihr Scheitern als auch ihre persönlichen Glücksmomente.

Der Thriller FREDDY EDDY von Tini Tüllmann, bei den Hofer Filmtagen mit dem Heinz-Badewitz-Preis ausgezeichnet, erzählt von dem Maler Freddy, der den schwärzesten Tag seines Lebens erlebt: Er wird angeklagt, seine Frau krankenhausreif geschlagen zu haben und soll auch noch das Sorgerecht für seinen 8-jährigen Sohn verlieren. Alle Unschuldsbeteuerungen sind umsonst. Und dann geschieht auch noch das Unglaubliche: Sein imaginärer Freund Eddy aus Kindheitstagen taucht wieder auf. Was zunächst eine hilfreiche Stütze für Freddy zu sein scheint, entpuppt sich als Albtraum.

In SHORT TERM MEMORY LOSS von Andreas Arnstedt verliert der ehemalige Boxer Ronald nach einem Unfall sein Kurzzeitgedächtnis. Von diesem Zeitpunkt an ist nichts mehr wie es war. Ronalds Welt hat keine Zukunft, nur die Vergangenheit – bis zu seinem Unfall, ist in seinem Gedächtnis noch vorhanden. Seine Krankheit hält ihn und seine Familie gefangen – ein eigenes Leben ist für seine Frau Annett und den Sohn Constantin unmöglich geworden. Tag und Nacht muss sie sich um ihren Mann kümmern, der zum Pflegefall geworden ist, jedoch in keine amtliche Pflegestufe passt. Annett droht das Haus zu verlieren und entschließt sich schließlich zu einem radikalen Schritt.

Mit dem Spielfilm LASS DEN SOMMER NIE WIEDER KOMMEN von Alexandre Koberidze, an der Deutschen Film und Fernsehakademie Berlin als Individualfilm entstanden, hält veritable Filmkunst Einzug in den Wettbewerb von achtung berlin. Der Film, der bereits bei der Woche der Kritik anlässlich der Berlinale für Begeisterung sorgte, erzählt von einem jungen Mann, der Tänzer werden möchte. Endlich angekommen im georgischen Tiflis, nimmt er an illegalen Boxkämpfen teil und schläft mit Männern, um Geld zu verdienen. Er verliebt sich in einen Mann, der später in den Krieg ziehen wird. Eine Reise durch den Großstadtdschungel beginnt, untermalt von diffusen Originaltönen, urbanen Geräuschkulissen und Orchestermusik. Ein Film, der Geduld braucht, die er jedoch doppelt und dreifach belohnt mit einem Kinoerlebnis der ganz besonderen Art.

Ein einfühlsamer Dokumentarfilm von Maja Classen

Filmemacherin Maja Classen

Filmemacherin Maja Classen

Leider konnten wir aus Termingründen in diesem Jahr bei weitem nicht so viele Filme ansehen, wie wir gerne gesehen hätten. In der Sektion „Berlin Documents“ (6 Filme) waren wir begeistert von Maja Classens extrem einfühlsamen Film „Plötzlich ist die Welt ganz klein“ Die Berliner Filmemacherin hat mehrere junge Familien auf der Frühgeborenenstation des Tempelhofer St. Joseph Krankenhaus beobachten können. Sich in den Stunden emotionaler Achterbahnfahrten von einer Kamera begleiten zu lassen, verdient den höchsten Respekt. Im St. Joseph Krankenhaus ist Rooming-in für Eltern von schwer kranken Neugeborenen und Frühgeborenen selbstverständlich. Die Kinder brauchen einfach unbedingt die Nähe der Eltern, so Prof. Dr. Michael Abou-Dakn, der mit weiteren Mitarbeiterinnen auf der Premiere im Babylon zu Gast war.

Der Film zeigt behutsam, wie die jungen Eltern in diese Situation hereinwachsen. Er zeigt, wie die winzigen Kinderkörper, verkabelt und an Schläuche angeschlossen, die nötige Unterstützung für einen Start ins Leben erhalten. Wie die Eltern ihnen Nähe und Wärme geben. Um die intimen Augenblicke auf der Station aufnehmen zu können, war Maja Classen überwiegend selbst hinter der Kamera im Einsatz. Einfach sehenswert! Der Film entstand als Auftragsarbeit für das ZDF und 3sat. Er wird im Mai im Fernsehen gezeigt. Link zum Trailer bei Vimeo

Weitere Filme aus dieser Sektion: „act! Wer bin ich?“ von Rosa von Praunheim, „Der lautlose Tanz des Lebens“ von Aleksandra Kumorek, „Mädchenseele“ von Anne Scheschonk und mehr.

Sektion Mittellange Filme und Kurzfilme

Aus dieser Sektion (35 Filme) sahen wir die Filme „Fünfzehn Zimmer“ und „Garten der Sterne“. „Fünfzehn Zimmer“ ist 32 Minuten lang und erlebte beim Festival seine Berlin-Premiere. Der Film von Silke Schissler zeigt den Alltag in einem Berliner Hospiz. Hier speziell, wie Danka, die Reinigungsfrau des Hauses, täglich alle Zimmer besucht und dabei weit mehr als ihre eigentliche Aufgabe wahrnimmt. Wie sie Kontakt zu den einzelnen Patienten aufbaut und mit ihnen kommuniziert und für sie in besonderer Weise da ist.

"Garten der Sterne" beim Achtung Berlin Festival

„Garten der Sterne“ beim Achtung Berlin Festival

Der „Garten der Sterne“ ist ein ganz besonderer Ort auf dem St.-Matthäus Kirchhof in Berlin Schöneberg. Was diesen Friedhof so besonders macht, ist das Friedhofscafé von Bernd Boßmann, alias Ichgola Androgyn. Boßmann ist aus zahlreichen Filmen von Rosa von Praunheim bekannt. In dem Film wird gezeigt, dass ein Friedhof nicht nur ein Platz der Traurigkeit ist, sondern das dort zum Beispiel Geschwisterkinder von Sternenkindern spielen können. Familien treffen sich auf einer Wiese und verbringen bei Kaffee und Kuchen Zeit miteinander. Hier ruhen nicht nur die Gebrüder Grimm, Prof. Rudolph Virchow und viele andere Prominente, sondern auch die schwulen Männer Berlins. Das Grab von Ovo Maltine, einer 2005 verstorbenen Kabarett- und Polittunte wird wie eine kleine Pilgerstätte von der Szene besucht. „Im Garten der Sterne begegnen sich die Biografien Westberliner Generationen und machen ihn zu einem Ort der Erinnerung.“ Stéphane Riethauser und Pasquale Plastino porträtieren Bernd Boßmann und den Friedhof in ihrem wunderbaren Film. (61 Minuten)

Porträt eines schwedischen Künstlers

Maria Mogren und Jens von Larcher

Maria Mogren und Jens von Larcher

Maria Mogren, geboren in Göteborg und Jens von Larcher, geboren in Göttingen, haben einen sehenswerten und interessanten Dokumentarfilm über einen ganz besonderen schwedischen Maler gedreht. Der wenig über Schweden hinaus bekannte Künstler Tore Kurlberg (1916 – 1998) widmete sein Leben der Malerei, obwohl er kaum jemals Bilder ausstellte oder verkaufte. Tag für Tag malte er den Himmel, das Meer und den Horizont der schwedischen Westküste, bis hin zur absoluten Abstraktion. Sein Werk umfasst zirka achthundert Bilder. Der einstündige Dokumentarfilm der beiden in Berlin lebenden Filmemacher zeigt in wunderbar ruhigen Bildern, wie seine Leidenschaft für die Malerei über seinen Tod hinaus wirkt. (Schwedisch mit deutschen Untertiteln, 57 Minuten, Deutschland 2016)

 

Eine Hommage an Michael Gwisdek

Anlässlich des 75. Geburtstages des wunderbaren Schauspielers Michael Gwisdek widmete „Achtung Berlin“ ihm eine Hommage mit fünf Filmen. Es wurden vier Filme aus DEFA-Zeiten und ein aktueller Kinofilm gezeigt. In „Kundschafter des Friedens“ spielt Gwisdek einen ehemaligen Topspion im Rentenalter, der nochmal für den BND auf eine heikle Mission geschickt wird. An seiner Seite Schauspielgrößen wie Henry Hübchen, Winfried Glatzeder, Thomas Thieme und Jürgen Prochnow. Wir fanden diesen Film leider etwas zu klamottig. Wir sahen dann noch am Sonnabend in Anwesenheit Gwisdeks den Film „Der Tangospieler“ von Robert Gräf. Gwisdek spielt darin einen Historiker, der durch Zufall politisch in der DDR um 1968 in Ungnade fällt und ins Gefängnis wandert.

Miachel Gwisdek und seine Frau Gabriela Gwisdek - Achtung Berlin 2017

Miachel Gwisdek und seine Frau Gabriela Gwisdek

Nach der Haftstrafe muss er sich neu in der Gesellschaft zurechtfinden. Die Stasi will ihn für eine Zusammenarbeit gewinnen, was er ablehnt. Gwsidek war nach der Filmvorführung sichtlich bewegt, da er den Film auch schon seit 25 Jahren nicht mehr gesehen hatte und sich an die Zeiten in der DDR und eigene Erlebnisse erinnert fühlte.

Michael Gwisdek hat in den letzten vierzig Jahren wohl in mehr als einhundert Filmen mitgewirkt. Er war lange mit Schauspielkollegin Corinna Harfouch verheiratet. Aus dieser Ehe stammen zwei Söhne, die beide auch eine künstlerische Laufbahn eingeschlagen haben. Heute ist Gwisdek mit Gabriela Gwisdek verheiratet und lebt in der Schorfheide.

Preisverleihung beim Achtung Berlin Filmfestival

Am letzten Festivaltag von Achtung Berlin wurden die Preise der verschiedenen Jurys vergeben. Der Preis für den besten Spielfilm ging an „Die Hannas“ von Julia C. Kaiser. Dieser Film über eine besondere Beziehungsgeschichte erhielt außerdem noch den Preis für das beste Drehbuch. Die beiden Hauptdarsteller Anna König und Till Butterbach wurden als beste Schauspieler ausgezeichnet.

Anna König und Till Butterbach (Beste Schauspielerin und bester Schauspieler)

Anna König und Till Butterbach (Beste Schauspielerin und bester Schauspieler)

Der Preis für den besten Dokumentarfilm ging an „Schultersieg“ von Anna Koch. Der Film gibt dem Zuschauer einen Einblick in das Leben von vier jungen Mädchen, die Kampfsport betreiben. An diesen Film ging auch der Preis für die beste Kamera.

Der Preis für die beste Produktion und die beste Regie ging an „Freddy / Eddy“ von Tini Tüllmann.

Der Preis der ökumenischen Jury ging an „ER SIE ICH“ von Carlotta Kittel.

Der Preis des Verbands der deutschen Filmkritik für den Film „Vanatoare“ von Alexandra Balteanu

Bester mittellanger Film wurde „Die Königin von Niendorf“ von Joya Thome

Der beste Kurzfilm: PANDA III

Der Preis für den mutigsten Kurzfilm ging an „Milch kaputt 3 Papier“ von Tim Kochs

Der Exberliner Award ging an „Club Europa“ von Franziska M. Hoehnisch

Quellen: Presseinformationen des Veranstalters, Eigene, Wikipedia

Links:

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