Hatice Akyün – „Ich küss dich, Kismet“

Hatice Hakyün Hatice Hakyün "Ich küss dich Kismet

(be) Hatice Akyün hat es satt, in Deutschland die ewige Quotentürkin zu sein. Als sie eine Wohnung in Istanbul erbt, erwägt sie ernsthaft, als türkischstämmige Deutsche in die Türkei auszuwandern. Eine kleine Rückversicherung soll es zwar geben, ihre Wohnung in Berlin gibt sie sicherheitshalber nicht auf. Ja, Deutschland ist Hatices Heimat, doch es gibt Probleme mit diesem Gefühl. „Ich möchte mich selbst finden“, sagt sie und macht sich wirklich auf den Weg in die Türkei, nach Istanbul. In der Heimat ihrer Eltern hofft sie sich selbst und ihre Identität neu zu finden. Das Leben in der turbulenten Stadt am Bosporus ist dann ganz anders als erwartet. Ihre schicken Istanbuler Freundinnen verpassen ihr erst einmal ein neues Outfit, damit man sich überhaupt mit ihr blicken lassen kann. Die geerbte Wohnung ist ein Sanierungsfall und kann erst einmal nicht bezogen werden.

Auf sehr amüsante und unterhaltsame Weise schildert Hatice Akyün das Leben in Istanbul, natürlich immer mit dem vergleichenden deutsch-türkischen Blick. Sie verliebt sich in einen türkischen Mann, besucht den ländlichen Heimatort ihrer Eltern und kommt unaufhaltsam zu der Erkenntnis, dass Deutschland ihre wahre Heimat ist. Nach einem halben Jahr wieder zurück in Berlin stellt Hatice fest, dass sie viele türkische Gepflogenheiten mitgebracht hat. Und sie sagt: „Meinen Fluchtversuch in die Türkei habe ich nie bereut“. Er war wichtig und hat zur Identitätsfindung wirklich beigetragen. Denn einfach ist es nicht, zwischen zwei Welten zu leben. Das Buch endet mit den Ereignissen im Gezi-Park in Istanbul, wo Demonstranten versuchten, den Bau eines Einkaufszentrums zu verhindern. Das brutale Eingreifen der Ordnungskräfte gegen die Demonstranten verfolgt Hatice Akyün von Berlin aus und bangt um Menschen die sie kennt. „Hatte ich wirklich geglaubt, die Türkei zu kennen?“ Sie ist erschrocken über die politischen Verhältnisse in der Türkei. „… weil ich mit Werten wie Meinungsfreiheit und Toleranz aufgewachsen bin. …. Ich gehöre dazu, weil ich weiß, wie wichtig Freiheit ist. …. ich bin Teil dieser Türkei, die endlich diese Rechte für sich einfordert“. Und plötzlich ist für Hatice Akyün alles so klar. Sie ist glücklich, eine Türkin zu sein.

Hatice Akyün wurde 1969 in Akpinar Köyü in Anatolien geboren. 1972 kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland, wo sie seither lebt. Als Journalistin begann sie bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung in Duisburg und arbeitete dann als Gesellschaftsreporterin für das Magazin Max. Seit 2003 schreibt sie als freie Journalistin unter anderem für Spiegel, Emma, taz und den Tagesspiegel.

Hatice Akyün – „Ich küss dich, Kismet“ Verlag Kiepenheuer & Witsch 235 Seiten , 14.99, ISBN 978-3-462-04568-0, 1. Auflage 2013

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