Gay Metropole Berlin

Die Geschichte der Schwulen Emanzipation nahm hier ihren Anfang

(btm) Berlin ist gerade aus schwul-lesbischer Sicht eine der aufregendsten Metropolen überhaupt. Die Geschichte der Schwulen Emanzipation nahm hier ihren Anfang und in den Jahren der Teilung der Stadt haben sich in Ost und West zwei ganz unterschiedliche Szenen ausgeprägt, die sich nach der Wiedervereinigung ebenso rasant entwickelten wie Berlin. Heute bietet Berlin ein vielfältiges lesbisch-schwules Leben, das sich in allen Bereichen des Hauptstadtalltags widerspiegelt. Am spektakulärsten ist die quirlige Berliner Szene allerdings im Nachtleben vertreten. Das queere Partyleben ist Wegbereiter und unentbehrlicher Bestandteil jener legendären Berliner Clublandschaft, die heute Amüsierwillige aus aller Herren Länder nach Berlin lockt.

Berlinbesucher merken schnell, dass der Reiz der Stadt nicht etwa in einer Nonchalance liegt, die sie aus anderen Weltstädten kennen, sondern in ihrer atemberaubenden Vielfalt. Ungleich anderen europäischen Metropolen verfügt Berlin nämlich über keinen unangefochtenen Mittelpunkt – weder ökonomisch, noch sozial noch kulturell. Das war schon zu Zeiten der Weimarer Republik so, als Berlin eine der schillerndsten Hauptstädte der „Roaring Twenties“ war, und hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Bau der Mauer noch verstärkt. Auch im nunmehr wiedervereinten Berlin wetteifern gleich mehrere Zentren um die Gunst des Publikums. Diese Berliner Eigenheit spiegelt sich auch in der schwul-lesbischen Szene der Stadt wider, die sich unterschiedlich ausdifferenziert an drei Standorten geballt finden lässt. Zum einen im nördlichen Schöneberg mit seiner klassischen Szene-Infrastruktur, zum anderen in Kreuzberg, das eine Mischung aus Kultur und robustem Nachtleben mit alternativem Charme bietet und in Prenzlauer Berg, dem weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannten „In“-Bezirk, mit seinem eher trendig geprägten Leben. Ein Blick in die Siegessäule, einem kostenlosen Szenemagazin mit umfassendem Serviceteil, das in vielen hier genannten Läden ausliegt, zeigt, wie enorm breit gefächert das Szene-Angebot Berlins ist.

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Gay in Berlin (Symbolfoto)

Drei Säulen der Berliner Szene

Schöneberg eignet sich auch für Berlinbesucher als erste Anlaufstelle. Die klassische Infrastruktur reicht hier von schwulenfreundlicher Apotheke oder Fitness-Club bis hin zum Laden fürs Fetischoutfit und einer schwulen Frittenbude am Wittenbergplatz. Schon vor hundert Jahren hat sich eine Szene rund um den Winterfeldplatz etabliert. Heute finden sich hier nicht nur alle möglichen Szeneläden, die Gegend gehört zur beliebtesten queeren Wohnlage. Während sich Frauen an die Lesbenberatung in der Kulmerstraße wenden können, findet man(n) ab 17.00 Uhr im schwulen Infoladen Mann-O-Meter in der Bülowstraße alle nur erdenklichen Infomaterialien und Tipps über die Berliner Szene und ihre Aktivitäten. Allabendlich, wenn die Bars ihre Pforten öffnen, befindet sich die lebendige Motzstraße in Schöneberg fest in schwuler Hand. Urgesteine der Berliner Sub, wie etwa das Tom´s, finden sich hier im Wechsel mit modernen Bars, die selbst schon zum Evergreen avanciert sind, wie zum Beispiel der Hafen. Neben diversen Bars und Kinos ist der Klub Connection immer noch die bekannteste Adresse für gay-clubbing im Bezirk. Jeden ersten Freitag im Monat sowie zu besonderen Events werden auch Frauen begrüßt.

 Mitte und Prenzlauer Berg gelten als die „In“-Bezirke schlechthin und sind zu einem wahren Publikumsmagneten nicht nur für Berlinbesucher avanciert. Auch unter schwul-lesbischem Aspekt hat hier eine rasante Entwicklung eingesetzt, die noch lange nicht abgeschlossen ist. Trotz aller Umwälzungen kann man dem heimeligen Charme der DDR-Zeiten immer noch in der Schoppenstube nachspüren. Auch der umtriebige Sonntags-Club, der sich als Plattform für ein vielfältiges soziales Szeneleben für Jung und Alt etabliert hat, ist noch einigermaßen der typisch prenzelbergerischen Tradition verhaftet. Mit Locations à la Greifbar, Stahlrohr oder Treibhaus Sauna wurden dann allerdings endgültig Nachwende-Zeiten eingeläutet. Zahlreiche Selbsthilfe-Gruppen und Projekte haben zu einer weiten Ausdifferenzierung der Szene beigetragen. Mit dem EWA-Frauenzentrum verfügen beispielsweise auch Lesben über eine wichtige Anlaufstelle am Prenzlberg. Daneben wird das schwul lesbische Erscheinungsbild inzwischen von trendigen Cafés und Bars im Stile von Marietta, Klub der Republik oder Freizeitheim bestimmt. Gerade im Prenzlberg und in Mitte entwickelt sich zunehmend ein Nachtleben, das sich kaum noch um sexuelle Orientierungen schert. Homo- und Heterosexuelle feiern gemeinsam, zum Beispiel im Cookies, einem der stylishsten Clubs der Stadt. Außerdem ist ein Gutteil der angesagtesten Adressen (siehe Berlin Clubnights) hier zu finden und sorgt für ausgelassenen Partyspaß rund um die Uhr.

Die Szene in Kreuzberg präsentiert sich dagegen bewusst alternativ. Im Roses oder im Bierhimmel und einigen anderen Läden rund um die Oranienstraße lässt sich den rauen Hausbesetzerzeiten nachspüren. Der robuste Charme des immer rappelvollen Möbel Olfe ist der gelungene Gegenentwurf zum Mitte-Schick und Frauen finden im Schoko-Café die viel zitierte Kreuzberger Multi-Kulti-Atmo. Clubgänger können sich nicht nur im Weltklasse Ausgehrevier des Schwesterbezirks Friedrichshain austoben, auch einige Partyreihen im Kreuzberger SO 36 gehören inzwischen mit zum außergewöhnlichsten, was das Berliner Nachtleben zu bieten hat. Am Mehringdamm 61 ist einstweilen eines der für Berlin so typischen „dezentralen Schwulenzentren“ entstanden. Hier residiert die „Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft“ (aha) und das Melitta Sundström zieht junges, studentisches Publikum an, das sich am Wochenende auch auf den Partys des darunter liegenden SchwuZ vergnügt. Das „Queergebäude“ im Hof desselben Hauses wird von den Ausstellungs-, Archiv- und Depoträumen des Schwulen Museums beherrscht. Noch immer ist es in seiner Art einmalig in der Welt. Zwar gibt es auch anderen Orts geschichtlich interessierte Gruppen, Ausstellungen und Archive, doch das Schwule Museum ist seit 1985 kontinuierlich mit wissenschaftlicher Archivarbeit und jährlich mehreren Ausstellungen präsent, die auch international große Beachtung finden. Nicht zuletzt durch den Ankauf einer größeren Kunstsammlung (Sternweiler Sammlung), der von staatlicher Seite unterstützt wurde, erfuhr das Museum eine erhebliche Aufwertung. Außerdem bietet die Arbeit des Schwulen Museums einen einmaligen Einblick in die reiche und wechselvolle schwule Geschichte Berlins.

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Berliner Clubnights

Vor allem das schwule Partyleben hat schon längst die angestammten Bereiche verlassen und sich von Anfang an auf das engste mit der Berliner Clublandschaft verzahnt. Deren Aushängeschild war lange Jahre das weltweit beachtete Phänomen der Love Parade. Die Gays nutzten den offenen Spirit der Techno Heads, die nicht in überkommenen Mustern wie sexueller Orientierung dachten, und peppten den bunten Move von Anfang an kräftig mit rosa Farbe auf – eine glamouröse Allianz, die immer noch für unvergessliche Party-Erlebnisse sorgt. Allen voran im Berghain, das von vielen Techno-Heads als legitimer Nachfolger so legendärer Locations wie E-Werk oder Tresor gehandelt wird. Mit seinem kompromisslos fetten Sound steht das Berghain ganz oben auf der Adressliste einer internationalen Party-Crowd, die begeistert nach Berlin strömt. Das Connection, das zum Fixpunkt für Techno und House-Freunde avanciert ist, behält viele Partys strikt schwulem Publikum vor. Regelmäßig avanciert der Fate Club mit dem Sex Dance zur schwulen Partyoase und im Club Culture Houze steigen Fetisch-Partys. Dienstags lockt ein Aushängeschild des neuen Mitte-Schick, das Cookies, mit Elektronischem aller Couleur. Mittwochs brennt das NBI, wenn die hippen Schwulensich im Prenzlauer Berg die ausgeflippte Berlin Hilton-Party feiern, donnerstags tanzt man zu House/Electrobeats auf der Chantal’s House of Shame-Party, die nach mehreren Ortswechseln besser denn je ist und nun im Bassy Cowboy Club residiert.Ein wirklich schillerndes Elektro-Event ist die größte schwule Party der Stadt im Klub International, die Tunes vom feinsten bietet.

Deren Veranstaltungsort, das Kino International, wird regelmäßig auch von den spektakulärsten Lesbenpartys der Stadt gerockt. Die wahren Partyfreaks stürzen sich am Wochenende früh morgens noch ins Getümmel in der Panoramabar/Berghain. Aber auch viele, viele andere Adressen, die sich der „elektronischen Tanzmusik“ verschrieben haben, warten auf Erkundung: Beispielsweise die die Alte Kantine des Berghain oder die Partyreihe „Kurzurlaub“ im SO 36. Andere Partykonzepte runden das Berliner Nachtleben zu einer erstaunlichen Vielfalt ab. Vom Queer Dance Fastival im Ballhaus Walzerlinksgestrickt, dem vielfältigen Partyfreitag im SchwuZ, an dem programmatisch mit schwullesbischen Klischees gebrochen wird oder der Orient-Party Gayhane, dem Bauchtanz-Event im SO 36, über das gemischte Musikprogramm im Café Fatal, bis hin zur legendären Party „Irrenhouse“ im Geburtstagsclub mit Trash-Transe Nina Queer – die Berliner Party Thrills bieten für jeden Geschmack das Richtige. Da sich Orte und Konzepte gerade der angesagtesten Veranstaltungen mitunter rasch ändern können, erkundigt man sich am besten in der schwulen Presse, z.B. in der kostenlosen Siegessäule, über den allerneuesten Stand, bevor man in die berauschende Vielfalt der Berliner Clubnights eintaucht… .

Auf dem CSD in Berlin - Berlin aus schwul-lesbischer Sicht

Auf dem CSD in Berlin

Siehe auch: CSD Berlin

Fotos: fotolia (2, Symbolfotos)  Titelbild: photoDune

 

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