Neues Museum 2

Sternensaal, Blick in den Westlichen Kunstkammersaal – © Stiftung Preußischer Kulturbesitz/DavidChipperfield Architects, photographer: Christian Richters

Zur Ausstellungskonzeption für das Neue Museum

Im Neuen Museum finden die archäologischen Sammlungen des Ägyptischen Museums und Papyrussammlung, des Museums für Vor- und Frühgeschichte sowie großartige Antiken aus der Antikensammlung ihre neue Heimat. Dabei werden die Sammlungen nicht streng voneinander getrennt präsentiert, sondern in einem sammlungsübergreifenden Ausstellungskonzept: die ausgestellten Objekte treten nicht in optische Konkurrenz zueinander, sondern bieten durch ihre interkulturelle Aufstellung faszinierende Blicke in die Ursprünge der Menschheitsgeschichte. Die geografische Breite, die historische Tiefe und die außergewöhnliche Qualität der archäologischen Sammlungen ermöglichen, die Geschichte der Alten Welt vom Vorderen Orient bis zum Atlantik, von Nordafrika bis Skandinavien durch die Jahrtausende hindurch in Objekten der materiellen Kultur und der Kunst sowie in schriftlichen Quellen zu erleben.

Der Masterplan Museumsinsel als Grundlage der Restrukturierung der gesamten Museumslandschaft in der Historischen Mitte Berlins griff mit der architektonischen und inhaltlichen Verknüpfung der Museen auf Überlegungen zurück, die bereits zu DDR-Zeiten entwickelt worden waren und den heute mehr denn je lebendigen Willen zur Kooperation der Sammlungen untereinander zum Ausdruck brachten.

Die Archäologische Promenade soll nicht nur als architektonisches, sondern vor allem inhaltliches Bindeglied vom Alten Museum über das Neue Museum und das Pergamonmuseum bis zum Bode-Museum führen. Fehlen auch noch die Räume unter der Bodestraße und unter dem Bahn-Viadukt, so ist doch mit der untersten Ausstellungsebene des Neuen Museums ein wesentlicher Teil dieser Themenachse bereits fertiggestellt. Sie unterstreicht den multidisziplinären Charakter des Neuen Museums; hier teilen sich nicht einfach die selbstständigen Verwaltungseinheiten Museum für Vor- und Frühgeschichte und Ägyptisches Museum und Papyrussammlung ein Haus, sondern entwickeln aus dieser Nachbarschaft zusammen mit anderen Museen ein Ausstellungsprogramm, das die Vielfalt kultureller Äußerungsformen in der Begegnung der Originalobjekte erfahrbar macht.

Wandbilder Ägyptischer Hof, Ebene1 - © Stiftung Preußischer Kulturbesitz/DavidChipperfield Architects, photographer: Ute Zscharnt

Ägyptisches Museum und Papyrussammlung

Das Ägyptenbild des 19. Jahrhunderts prägte das Erscheinungsbild der ägyptischen Säle im Neuen Museum von seiner Eröffnung im Jahr 1850 bis zu seiner Schließung zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Das auf die Wände gemalte museumsdidaktische Programm der altägyptischen Religion, Geschichte und Kultur wird künftig in Publikationen nachzuvollziehen sein; da und dort lässt es sich noch an Resten der ursprünglichen Wandfassungen erkennen.

Im ehemaligen „Historischen Saal“, der, im Krieg gänzlich zerstört, in seinen alten Proportionen wieder aufgebaut wurde, stehen frei im Raum die Grabkammern des Metjen, Merib und Manofer. Kein anderes Museum kann die Reliefkunst des Alten Reiches in solcher Fülle zeigen. Auf den Innenwänden der Kammern, die sich nach außen als hoch aufeinander getürmte Schichten mächtiger Steinblöcke zeigen, erstrahlen die Reliefwände in exakt justierter Beleuchtung. Seit sieben Jahrzehnten waren diese Grabkammern nicht sichtbar. Die Bilder der drei Gräber aus der Pyramidenzeit werden thematisch durch Reliefs und Stelen des Alten, Mittleren und Neuen Reiches ergänzt.

David Chipperfield hat bei seiner Planung des Wiederaufbaus des weitgehend zerstörten nordwestlichen Quadranten des Neuen Museums die dortige Hoffläche auf die Ebene 2 angehoben, so dass sich von der Galerie, die im Erdgeschoss (Ebene 1) den Hof umgibt, ein Blick auf die unterste Ausstellungsebene bietet, wo als Teil der Archäologischen Promenade „Jenseits und Ewigkeit“ angesiedelt sind. Die zerstörten Säulen des Hofes wurden durch schlanke, bis zum gläsernen Dach nach oben geführte Pfeiler ersetzt. Das Thema des Hofes - der ägyptische Tempel - stellt sich in zwei höchst unterschiedlichen Medien dar. An der Ostwand sind drei großformatige Wandbilder der ursprünglichen Raumdekoration erhalten geblieben. Sie zeigen die Tempel von Edfu, Philae und Abusimbel. Mit ihnen korrespondieren über eine zeitliche Distanz von 4300 Jahren an den ziegelsichtig belassenen anderen Wänden Landschaftsbilder auf Reliefblöcken aus dem Sonnenheiligtum des Königs Ni-user-Re aus Abu Gurob.

Als zentraler Standort für die Büste der Königin Nofretete wurde der Nordkuppelsaal ausgewählt. Ihr dort zu begegnen, heißt für die, die vor allem ihretwegen ins Neue Museum kommen, den Aufstieg über die große Treppe zu erleben und als Einstimmung im ehemals Griechischen Saal die Vielfalt altägyptischer Skulptur zu durchwandern. Nofretete - diesem Höhepunkt der Amarna-Abteilung im sonst leeren Nordkuppelsaal gilt auch der Blick nach Süden - entlang der fast endlos erscheinenden Sichtachse durch den Niobidensaal, den Bacchussaal und den Römischen Saal bis in die Südkuppel, bis zu jenem Raum, den David Chipperfield mit einer Kuppel überwölbt hat, für die es in der Architekturgeschichte keine Vorbilder gibt. Unter dieser Kuppel stehen zwei kolossale Götterstatuen des späten römischen Kaiserreichs, einst im Serapeum im ägyptischen Alexandria aufgestellt. Der frühere „Apollo-Saal“ führt ins räumliche und inhaltliche Zentrum des Ägyptischen Museums. Beim Betreten des Raums fällt der Blick auf eine Nische, in der das Bild gewordene Dogma von Echnatons Monotheismus steht, der Hausaltar mit der Darstellung des Herrscherpaars Nofretete-Echnaton und ihrer Tochter unter den Strahlen des Sonnengottes Aton. Nofretetes Schwiegermutter, die Königin Teje, bildet den Auftakt zur Begegnung mit der Königsfamilie, die sich auf der frei im Ägyptischen Hof schwebenden Plattform unter dem senkrecht einfallenden Licht der Glasdecke versammelt hat. Durch hohe opake Glaswände von dem übrigen Hofraum abgegrenzt, bildet diese Plattform einen kontemplativen Raum, dessen zum Licht strebende Pfeiler gleichzeitig an eine gotische Kathedrale und an die Strahlen des Aton denken lassen.

Museum für Vor- und Frühgeschichte

Römischer Saal © Stiftung Preußischer Kulturbesitz/DavidChipperfield Architects, photographer: Ute Zscharnt Chipperfield Architects, photographer: Christian Richters

Das Museum für Vor- und Frühgeschichte kehrt wieder zurück auf die Museumsinsel. Grundsätzlich wird die Ausstellung der berühmten Werke des Museums für Vor- und Frühgeschichte an der Chronologie orientiert sein. Die zeitliche Entwicklung ist das nachvollziehbare Gerüst, an dem sich die Besucher durch tausende von Jahren bewegen können.

Der Vaterländische Saal des Neuen Museums war einst der Vorgeschichte gewidmet. Die qualitätvollen, sehr gut erhaltenen Wandmalereien zeugen von der in der Mitte des 19. Jahrhunderts aktuellen Entdeckung und Rezeption der nordischen Mythen. Die Götter der Finsternis und des Lichts bevölkern die Wände. Über den Türen der Südwand sind dagegen zwei Gräber abgebildet. Ein Verstorbener trägt eine Bewaffnung aus Stein, der andere ist mit bronzenem Schmuck und bronzenen Waffen, deren Vorbilder aus den Sammlungen des Museums stammen, ausgestattet. Die Bilder sind eine sehr frühe Umsetzung des gerade entdeckten Dreiperiodensystems, der Einteilung der Vorgeschichte in Stein- Bronze- und Eisenzeit. Hier wird die komplexe Geschichte des über 180 Jahre alten Museums für Vor- und Frühgeschichte erzählt. Die beiden anderen Räume auf dieser Ebene sind zwei herausragenden Sammlungen gewidmet: Der Troja-Sammlung Heinrich Schliemanns und der aus verschiedenen Schenkungen stammenden Zypern-Sammlung.

Heinrich Schliemanns Grabungen sind bis heute die wichtigste Quelle für die Geschichte Trojas. Aus Schliemanns Begeisterung für die Ilias entwickelte sich seine lange Forschungstätigkeit, die durch das Verständnis für das Wachstum des Hügels Hisarlik in einzelnen Schichten bereits Ansätze moderner Grabungsmethodik aufwies. Lag Schliemann mit seinen Einschatzungen richtig? Warum hat er viele Schichten nach unseren heutigen Kenntnissen viel zu jung datiert? Diese Fragen wollen wir den vom Mythos Troja auch heute noch faszinierten Besuchern beantworten. In der Mitte des Raumes wird dabei hoffentlich eines Tages wieder der vollstandige „Schatz des Priamos“ zu sehen sein. Bis zur erhofften Rückgabe der 1945 in die damalige Sowjetunion verbrachten Teile des Priamos-Schatzes werden die 1958 an die damalige DDR zuruckgegebenen, erstmals ab Oktober im Neuen Museum ausgestellten Silbergefäße sowie die in Berlin verbliebenen goldenen Schmuckteile und das Schatzgefäß aus Keramik, in dem der gesamte Schatz geborgen war, ausgestellt und zeugen bereits von der großartigen Entdeckung.

Von Troja bis Zypern sind es einige Seemeilen, im Neuen Museum trennen nur wenige Schritte die Sammlungen. Die Exponate aus Zypern stammen zum großen Teil aus der Sammlung des bekannten Privatgelehrten Max Ohnefalsch-Richter, der dort zwischen 1887 und 1900 verschiedenen Nekropolen und Heiligtümer untersuchte. Seit dem Ende des 3. Jahrtausends wurde auf der Insel Kupfer gewonnen, das im Mittelmeer weiträumig gehandelt wurde. So ist die zyprische Kultur geprägt von Einflüssen sowohl aus Griechenland als auch aus Ägypten und der Levante.

Das Obergeschoss wird die jüngeren Perioden seit der römischen Zeit in chronologischer Reihenfolge aufnehmen. Nachdem der Besucher Nofretete seine Aufwartung gemacht hat, wird er die wunderbare Enfilade zwischen der erhaltenen Nordkuppel und der von David Chipperfield grandios neu entworfenen Südkuppel entlangschreiten. Gerade hier, zwischen Nofretete und der aus Alexandria stammenden Helios-Statue in der Nordkuppel wird er die Stücke aus dem Ägyptischen Museum, aus der Antikensammlung und aus dem Museum für Vor- und Frühgeschichte als eine große Gesamtkonzeption erleben. Der Römische Saal mit seinen leider nur zum geringen Teil erhaltenen, großartigen und wissenschaftsgeschichtlich bedeutenden Veduten römischer Bauten ist der geeignete Raum für die Darstellung der Funde aus den römischen Provinzen. Von der Bedeutung des Militärs, über römische Kultur und Alltag spannt sich der Bogen bis zur Bestattungssitte, bevor dem Besucher in der Nordkuppel die römische Götterwelt entgegentritt. Die Göttinnenstatue aus Alexandria schaut auf ein Pendant aus dem germanischen Raum: die verkohlte Holzstatue aus Altfriesack in Brandenburg. So treffen im Neuen Museum Römische und Germanische Welten aufeinander. In der Apsis wird diese Begegnung durch römische Skulpturen nachvollziehbar. Zwischen Kaiserporträts stehen die römischen Darstellungen zweier „Barbaren“.

Im Modernen Saal, der einst der Renaissance vorbehalten war, ist nun mit ausgewählten Exponaten die Entwicklung bis in das späte Mittelalter nachgezeichnet. Funde aus merowingischen Frauen- und Männergräbern gruppieren sich um die reiche Grabausstattung eines Mannes mit Goldgriffspatha, einem sehr seltenen Rangabzeichen für Personen, die in dieser Umbruchzeit nicht nur militärisch wichtige Führungsaufgaben wahrnahmen. Die Verbindung zwischen den karolingischen Hausmeiern im Merowingerreich und dem Papst war eine der Grundlagen für den Aufstieg der Karolinger. Herausragende Stücke stadtrömischer Bauskulptur um 800, darunter ein Friesbalken mit der Nennung von Papst Leo III, lenken den Blick auf eine Bildnismünze Karls des Großen mit Kaisertitel, eine entscheidende Anknüpfung an die römische Antike.

Die dritte Ebene wird im Oktober mit einer temporären Ausstellung überraschende Einblicke in die neuen Ergebnisse der Archäologie bieten. Ein chronologischer Rundgang führt von der Steinzeit bis in die Eisenzeit. Ausgehend von den ältesten Spuren menschlicher Tätigkeit, einem 800.000 Jahre alten Faustkeil, fuhrt der Weg zu dem berühmten Schädel des Neanderthalers aus Le Moustier, der für die Forschung noch heute von großer Bedeutung ist.

Über die Darstellung der wohl dramatischsten Wandlung menschlichen Lebens, die Sesshaftwerdung, verbunden mit Ackerbau und Viehzucht gelangt der Besucher zu einem absoluten Höhepunkt der Ausstellung, dem Berliner Goldhut. Die goldene Kopfbedeckung eines Priesters der späten Bronzezeit bietet nicht nur einen eindrucksvollen Anblick, die Kreisornamente vermitteln zudem umfangreiches Wissen über die staunenswerten astronomischen Kenntnisse dieser Epoche. Die Entdeckung zahlreicher Hortfunde gibt zudem Einblicke in die religiösen Vorstellungen der Bronzezeit. In der Eisenzeit schließlich geben die spektakulären Funde aus den Fürstengrabern aus Sticna in Slowenien eine Vorstellung von Ritus und Prachtenfaltung einer gesellschaftlichen Elite. Mit der Auseinandersetzung zwischen Römern und Kelten endet die chronologische Darstellung und leitet so über zu den Räumen in Ebene 2. Und schließlich: Die Besucher sollen an dieser Entwicklung der Ausstellung teilhaben. Ein Diskurs kann sich entfalten, der spannungsreich Originale und Inhalte Texte verbindet. Damit wird die Dramatik sichtbar, die überwiegend aufgrund der Anwendung neuester naturwissenschaftlicher Untersuchungsmethoden unser Bild von der frühen Menschheitsgeschichte ständigen Wandlungen unterzieht.

Antikensammlung

Niobidensaal, Blick in den Nordkuppelsaal © Stiftung Preußischer Kulturbesitz/DavidChipperfield Architects, photographer: Ute Zscharnt

Die Antikensammlung wird hauptsächlich ihre umfangreiche Zypern-Sammlung - zusammen mit Beständen des Museums für Vor- und Frühgeschichte im Südwestsaal des ersten Geschosses - präsentieren. Kunstwerke aus den Provinzen des Römischen Reiches sind ausgestellt in verschiedenen Sälen des zweiten Geschosses - im Bacchus-Saal, im Römischen Saal, im Südostkuppelsaal und im Germanien-Saal.

Porträts griechischer Dichter und Denker im Niobidensaal des gleichen Geschosses sowie Gipsabgüsse nach Bauschmuck klassischer griechischer Tempel im Treppenhaus sind ein dritter wichtiger Komplex. In den Sälen der Bronze- und der Eisenzeit des Museums für Vor- und Frühgeschichte ergänzt die Antikensammlung die Ausstellung mit keltischen, etruskischen und frühgriechischen Objekten.

Die besonderen Highlights der Antikensammlung im Neuen Museum sind die Bronzestatue des Xantener Knaben (aus dem Rhein bei Xanten/Lüttingen, frühe römische Kaiserzeit), Aufstellung im Bacchussaal, und die zwei marmornen Kolossalstatuen der Götter Helios und Isis-Fortuna aus Agypten (spätere römische Kaiserzeit), die schon im Südkuppelsaal von David Chipperfield aufgestellt wurden.

Quelle: Kompetenter als die Staatlichen Museen selbst können wir die Konzeption für das Neue Museum kaum vorstellen. Deswegen haben wir an dieser Stelle das Pressematerial der smb verwendet.