Karneval der Kulturen
15 Jahre Karneval der Kulturen
Die meisten Besucher des Karnevalsumzuges am Sonntag benutzten klugerweise die U-Bahn oder andere öffentliche Verkehrsmittel um zur Strecke zu kommen. Vielsprachiges Stimmengewirr dann auch in den bis auf den letzten Platz gefüllten Wagen der U-Bahn. Gestresste BVG-Mitarbeiter wachten darüber, dass niemand unter die Räder kam. Dann Mehringdamm: die Massen strömen aus der U-Bahn. Dicht gedrängt stehen hier die Zuschauer am Straßenrand. Es ist nichts abgesperrt, in Berlin sieht man das ganz locker. Jeder möchte und kann möglichst nah ran. Die Teilnehmer des Karnevalszuges versuchen es ganz gelassen zu nehmen. Doch oft bleibt ihnen wirklich nur wenig Bewegungsfreiheit. Die Geschäfte, Bars und Kneipen an der Strecke können sich über mangelnde Nachfrage nicht beklagen. Bier oder Cocktails oder Leckereien zum Essen finden reißenden Absatz. Zurück bleiben allerdings auch riesige unschöne Müllansammlungen überall. Leider auch viel zerschlagene Bierflaschen, nicht nur eine Gefahr für die vielen Kinder an der Strecke. Die Berliner Wasserwerke verteilen ihr kühles Nass an Akteure und Zuschauer. Der Karneval ist schließlich lang und anstrengend und da ist es wichtig, an den eigenen Wasserhaushalt zu denken.
Der Karneval der Kulturen ist mit seinen fast 5000 Akteuren in fast 100 Gruppen aus 70 Nationen die bunteste und schönste Veranstaltung die Berlin sich und seinen Gästen zu bieten hat. Viele Gruppen sind zum ersten Mal dabei, wie zum Beispiel Vanessa Mason mit "Charlottes Boogie-Stube". Die Musikerin präsentiert sich und ihre Kids mit einer Tanzschule für Jungen und Mädchen ab sechs Jahre. Seit fünfzehn Jahren beim Karneval der Kulturen ist dagegen Sonia de Oliveira mit ihrer Sambaschule Amasonia. Die gebürtige Brasilianerin gehörte vor 15 Jahren zu den Mitbegründern des Karnevals und heizt dem Publikum zuverlässig mit südamerikanischen Tänzen, heißen Kostümen und Samba ein. Die Gruppen müssen übrigens ihre Auftritte selber bezahlen. Dies fällt vielen wirklich nicht leicht und deshalb sind Sponsoren immer heiß begehrt. Der Senat hat jetzt nach 15 Jahren die Bedeutung des Karneval der Kulturen endlich erkannt und fördert die Veranstaltung in 2010 und 2011 mit ca. 275.000 Euro. Ein Schritt in die richtige Richtung.
An Farbigkeit ist der Karneval der Kulturen kaum zu überbieten. Es ist einfach fantastisch. Man erlebt innerhalb von wenigen Stunden eine Reise um die Welt und die Stadt präsentiert sich so, wie sie ist: vielfältig und bunt. Wo bekommt man soetwas sonst noch geboten? Was wir uns wünschen würden? Das Berliner Publikum könnte mehr aus sich herausgehen. Und warum viele Menschen große Mengen Alkohol brauchen, um Spass zu haben, muss ich auch nicht unbedingt verstehen.
Ein herzliches Dankeschön geht an alle, die den Karneval der Kulturen Berlin schenken! Diese Veranstaltung zeigt uns Berlinern ein weiteres Mal, was für ein bunter "Haufen" wir sind. Außerdem weckt sie Interesse, sich mit anderen Kulturen zu beschäftigen. (be)
Zur Idee des schönsten Festes der Stadt
Der “Karneval der Kulturen” entwickelte sich vor dem Hintergrund der wachsenden Internationalität Berlins und als Konsequenz der verstärkten Zuwanderung von Menschen aus allen Weltregionen. Die Weltstadt Berlin ist heute ethnisch, religiös und kulturell heterogen geprägt und ist nach der deutschen Vereinigung in den Mittelpunkt des internationalen Interesses gerückt, auch als Symbol für den Weg zu einem vereinten Europa. Zeichen für einen aufkommenden Nationalismus und Rassismus werden seismographisch genau registriert, aber auch klare Parteinahmen für eine auf Akzeptanz und Toleranz aufgebaute Gesellschaft.
Als Stadt mit der höchsten Ausländerzahl (ca. 450.000) in Deutschland hat Berlin die Rolle einer “Integrationswerkstatt”. Integration jedoch kann nur gelingen, wenn kulturelle Vielfalt, gegenseitiger Respekt und Toleranz tatsächlich erlebbar und erfahrbar sind. Berlin kann seine Internationalität als Chance begreifen und seine Rolle als Vermittler aktiv gestalten. Diese Überzeugung liegt der Idee des Karnevals der Kulturen zugrunde, der seit 1996 von der Werkstatt der Kulturen in Berlin-Neukölln initiiert und veranstaltet wird. Die Werkstatt ist ein Ort des Dialogs und der Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher Nationalität, Kultur und Religion. Die Werkstatt versteht sich als Zentrum des wechselseitigen Kulturtransfers, sie will das künstlerische Potential der in Berlin lebenden Zuwanderer fördern, sichtbar, hörbar und erlebbar machen.
Der Karneval schafft einen integrierenden Handlungsrahmen für unterschiedliche kulturelle Initiativen. “Karnevaleske” Elemente finden sich in fast allen Kulturen. Das Kostümieren und Maskieren der Akteure, das Festlegen spezieller Rhythmen und Choreographien, die farbenprächtigen Umzüge in Gruppen auf der Straße sind volkstümliche Bräuche, die auch in Kulturen ohne spezifische Karnevalstradition zu finden sind.
Karneval ist Ausbrechen aus engen Verhältnissen. Karneval ist Stolz und Freude an der Selbstinszenierung, an der Selbstdarstellung im sozialen und kulturellen Zusammenhang einer Gruppe. Karneval fördert und stimuliert populäre Kunst und Kultur – und dies auf höchstem Niveau. Wegen seiner spezifischen Dynamik, seiner kulturübergreifenden Geschichte und seiner Offenheit für neue Motive war es dem Karneval möglich, vom kolonialen Europa aus in den karibischen, südamerikanischen und afrikanischen Raum überzuspringen, um Jahrhunderte später in verwandelter Form seine Impulse zurückzugeben in ein kulturell, politisch und demographisch völlig neu strukturiertes Europa.
Ein Fest aller Altersgruppen
Der Berliner Karneval der Kulturen reiht sich ein in die Tradition neuerer Karnevals in Europa – wie dem Notting Hill Carnival in London und dem Rotterdamer Zomercarnaval –, ist aber aufgrund der Anzahl der beteiligten Nationalitäten und des breiten kulturellen Spektrums seiner Akteure weltweit einzigartig.
Der Karneval der Kulturen in Berlin ist offen für alle; er wird von Menschen jeglicher kultureller Prägung mitgetragen als Bestandteil einer urbanen, pluralen Kultur, der sie sich zugehörig fühlen. Er ist die Plattform, auf der die Akteure selbstbewußt ihre eigene kulturelle Identität präsentieren.
Die Einwanderer sehen den Karneval als eine Gelegenheit, Präsenz zu zeigen, Zugehörigkeit zu demonstrieren und Berlin seine Internationalität erleben zu lassen.
Der Karneval ist ein Fest aller Altersgruppen. Er integriert die Älteren genauso wie Kinder und Jugendliche vieler Nationalitäten. Unterstützt wird dieser Integrationsprozeß durch das Engagement vieler Migrantenvereine und Berliner Jugend- und Kultureinrichtungen, die als Multiplikatoren in ihrem jeweiligenUmfeld wirken.
In vielen ethnisch geprägten Karnevalsgruppen hat die intensive Auseinandersetzung mit der Kultur der Herkunftsländer und ihrer ethnischen Gemeinschaft in Berlin sowie die positive Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und ihre große Präsenz in den nationalen und internationalen Medien zu einem gewachsenen Selbst- und Gruppenbewußtsein geführt. Die Offenheit des Karnevalskonzepts bietet besonders Migranten die seltene Chance, sich unabhängig von ihrem sozialen Status aktiv einzubringen.
Gerade Jugendliche in multiethnischen Projekten identifizieren sich stark mit der Idee des Karnevals. In der Vorbereitungszeit entwickeln sie eine beeindruckende Bereitschaft zum kontinuierlichen, zielorientierten Arbeiten und zur konstruktiven Auseinandersetzung in der Gruppe. Die Freude an der Selbstinszenierung und -darstellung bei einem Fest, das sie mit so vielen Gleichgesinnten feiern, beeinflußt nachhaltig das Verhalten der Jugendlichen, führt zu gesteigertem Selbstbewußtsein und Verantwortungsgefühl für ihr Umfeld.
Die Idee des Karnevals wird von vielen kosmopolitisch denkenden und international agierenden Vertretern der elektronischen Musikszene mitgetragen, die einen wichtigen Teil der Sub- und Jugendkultur in Berlin bilden. Mit dem Karneval der Kulturen ist es gelungen, kulturelle Vielfalt bundesweit als einen bereichernden Charakterzug der Hauptstadt Berlin zu präsentieren.
(Aus einem Pressetext der Veranstalter)
Fotos vom Karneval der Kulturen
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